Ehemaliger Rotkreuz-Helfer bekommt Besuch aus seiner Vergangenheit
Wiedersehen nach 50 Jahren: Der ehemalige Rotkreuz-Helfer Jürgen Reuter bekommt Besuch von einem einstigen Biafra-Kind, das er in den Kriegswirren in Nigeria kennengelernt hat

 

BAD LIPPSPRINGE.  Ende der 1960er Jahre: Im Südosten Nigerias tobt ein Bürgerkrieg, der Hunderttausende Menschen zur Flucht zwingt. Das Internationale Rote Kreuz schickt neben Nahrungsmitteln und Medikamenten auch dringend benötigte Helfer in das Kriegsgebiet "Biafra". Der Badestädter Jürgen Reuter ist einer von ihnen. Fast 50 Jahre später kommt es zu einer ungewöhnlichen Begegnung. Reuter trifft Ndaeyo Uko wieder, ein ehemaliges Biafra-Kind.

Es ist ein sommerlicher Morgen. Jürgen Reuter und sein Gast Ndaeyo Uko sitzen beim Frühstück zusammen. Zwei Rotkreuzkameraden Reuters, Wolfgang Fürch und Dieter Kuhlmann, komplettieren die Runde. Erinnerungen werden wach an eine "sehr, sehr schlimme Zeit".


Ndaeyo Uko zu Besuch in Bad Lippspringe: Zusammen mit Jürgen Reuter, Dieter Kuhlmann und Wolfgang Fürch werden Erinnerungen an die schwere Zeit Ende der 1960er Jahre in Biafra geteilt.

Vor 50 Jahren kämpft das abgespaltene Biafra um seine Unabhängigkeit vom Staat Nigeria. Es gibt viele Tote und Verletzte auf beiden Seiten. Und auch die Flüchtlingszahlen steigen schnell in die Hunderttausende. In dieser Situation startet das Internationale Rote Kreuz eine groß angelegte Hilfsaktion. Dieter Kuhlmann und Wolfgang Fürch gehören mit zu den ersten, die 1968 freiwillig in den Einsatz gehen, ein knappes Jahr später folgt der erst 22-jährige Jürgen Reuter. Seinen Eltern hat er die Reise nach Biafra zunächst verschwiegen. Als sie dann doch davon erfahren, sind sie bestürzt: "Willst du dort auch umkommen?"

Kein Direktflug nach Oyo

Einen direkten Flug zum Einsatzort Uyo gibt es zunächst nicht. Die nigerianische Regierung stellt sich quer. So ist die Hauptstadt Lagos das einzige Anflugziel. Von dort aus geht es für die ersten Rotkreuz-Kräfte in einem riesigen Bogen über Ostkamerun nach Uyo. Reuter kommt in einer dortigen lutherischen Missionsschule in Obot Idim nahe Uyo unter. Sein Arbeitsplatz befindet sich nur einen Steinwurf entfernt. Reuter leitet hier in den bisher leer stehenden Klassenzimmern eine Art Großapotheke für etwa 500.000 Menschen.

Ärzte, Krankenpfleger und -schwestern schauen täglich bei ihm vorbei und geben ihre Bestellungen auf. Die Not in Biafra ist groß, die Anforderungszettel sind lang. Mal sind es Fünf-Liter-Kanister mit Husten- oder Anti-Parasiten-Saft, ein anderes Mal werden Schmerzmittel benötigt - verpackt in Blechbüchsen mit jeweils 5.000 Tabletten.

Gleich neben Reuters Arbeitsort ist die Tankstelle. Dort lernt er auch den 13-jährigen Ndaeyo Uko kennen, den alle nur Godwin nennen. Der schmächtige Sohn des früheren stellvertretenden Schulleiters macht sich nützlich. Reuter hat noch heute "das Bild vor Augen, wie der Junge per Hand fleißig Diesel in die Einsatzfahrzeuge pumpt." Ndaeyo sei schon damals sehr wissbegierig gewesen und habe immer die Nähe zu den europäischen Helfern gesucht.

Dieter Kuhlmann und Wolfgang Fürch hatten ein Jahr zuvor einen anderen Einsatzauftrag in Biafra. Mit leichten Lastkraftwagen fahren sie die Straßen in ihrem Distrikt ab, um nach hungernden Flüchtlingen Ausschau zu halten.

Mit an Bord sind auch Ärzte und Krankenpfleger; sie untersuchen die in Kirchen und Schulen Gestrandeten und versprechen ihnen, in den nächsten Tagen wiederzukommen und dringend benötigte Nahrungsmittel zu bringen - sei es trockener Stockfisch, Süßkartoffeln, Reis oder Milchpulver.


Vor Ort: Die Titelseite der Rotkreuz-Familienzeitung "Die gute Tat" von 1969 zeigt Dieter Kuhlmann (links am Lastwagen) bei der Verteilung von Nahrungsmitteln an die hungernden Flüchtlinge in Biafra.

Beispiellose Karriere absolviert

Im März 1970 endet auch für Jürgen Reuter sein neunmonatiger Einsatz in Biafra. Ndaeyo Uko bleibt zurück. Jahre danach verlässt der junge Mann seine Heimat Richtung Lagos und reist später nach Togo und Australien weiter. Dort studiert er und erlangt zwei Doktortitel, darunter einen in Journalistik. Heute unterrichtet er angehende Journalisten an der Monash-Universität zu Melbourne in Australien.

Ein Wunsch aber hat Ndaeyo Uko über die Jahre und Jahrzehnte begleitet: "Ich wollte unbedingt noch einmal die Menschen wiedersehen, die uns damals so geholfen haben."

Im Juni reist der mittlerweile 62-Jährige nach England, wo seine Tochter studiert. Auf dem Rückflug nach Australien legt er einen Zwischenstopp in Deutschland ein. Ein damaliger Delegierter vom Internationalen Rot-Kreuz-Komitee aus den USA hat den Kontakt vermittelt.

Drei Tage ist er bei den Reuters in Bad Lippspringe zu Gast. Wolfgang Fürch, ehemals Verwaltungsbeamter bei der Bundespost und der Ingenieur Dieter Kuhlmann sind bei dem überraschenden Wiedersehen mit dabei. Wie Jürgen Reuter sind sie seit der Jugendzeit im Roten Kreuz Westfalen-Lippe aktiv geblieben. Obwohl alle drei seit Ende der 1960er Jahre keinen Kontakt mehr zu Ndaeyo Uko haben, kommt man sich schnell näher. Gemeinsam betrachtet man eine Unzahl von Fotos, und dabei tauchen Erinnerungen auf, die nicht immer einfach sind.

Bei dem ersten Treffen soll es nicht bleiben. Am Ende des Besuchs geben sich die Drei das Versprechen, auch in Zukunft Kontakt zu halten.


Mit dem Besuch in Deutschland will Ndaeyo Uko seine Recherchen für sein neues Buch über die damaligen Ereignisse in Nigeria/Biafra beenden.

Ebenso zum 50. Jahrestag des Biafra-Krieges plant das Generalsekretariat des Roten Kreuzes in Berlin eine Dokumentation, an der auch Jürgen Reuter, Leiter der Rotkreuzgeschichtlichen Sammlung in Westfalen-Lippe, mitwirkt.


Quelle:

NW - Neue Westfälische
Bad Lippspringe
Klaus Karenfeld
vom 29. 06 . 2018

Fotos: Klaus Karenfeld (1)
DRK GS/Berlin-Sachau (2)