Rotkreuz-Museum in Schlangen eröffnet
Sammeln, sichten, sortieren, präsentieren

 

Rotkreuzgeschichtliche Sammlungen und Museen gibt es mehrere in der Bundesrepublik. Eine der bedeutendsten ist die Rotkreuzgeschichtliche Sammlung Westfalen-Lippe, die der Bad Lippspringer Jürgen Reuter zusammengetragen hat. Die Ausstellungsstücke haben nun eine neue Bleibe im Museumsgebäude in Schlangen, Parkstraße 18, gefunden. Die feierliche Einweihung des Museumsgebäudes fand am 16. März im Bürgerhaus Schlangen statt.


Von links: Dr. Jörg Twenhöven, Präsident des DRK-Landesverbandes Westfalen-Lippe e.V.; Karin Hell, Vizepräsidentin; Landrat Friedel Heuwinkel; Museumsleiter Jürgen Reuter; Cäcilia Reuter; Prof. Dr. Jürgen Bux, Vorsitzender der Rotgeschichtlichen Sammlung in Westfalen-Lippe e.V.

Ein Blick zurück auf die Geschichte des Roten Kreuzes. Wir schreiben das Jahr 1859. Der Schweizer Geschäftsmann Henry Dunant war 31 Jahr alt, als er die Schrecken des Krieges hautnah kennenlernte: ­38 000 Verwundete, Sterbende und Tote auf dem Schlachtfeld von Solferino, wo die Armeen Österreichs, Sardiniens und Frankreichs aufeinander getroffen waren. Dunant bemühte sich gemeinsam mit den Frauen des kleinen Ortes in Norditalien um Hilfe für die Verletzten. Ein schier hoffnungsloses Unterfangen, denn es fehlte an allem: Organisation, Fachwissen, Verbandsmaterial und Verpflegung. Seine Erlebnisse und Überlegungen verarbeitete Dunant in seinem Buch „Eine Erinnerung an Solferino“. Ein Jahr darauf gründete sich in Genf das „Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege“, das seit 1886 die Bezeichnung „Internationales Komitee vom Roten Kreuz“ (IKRK) trägt.

Im August 1864 unterzeichneten zwölf Staaten die erste Genfer Konvention. Sie enthält ein Regelwerk, das im Kriegsfall oder bei bewaffneten Auseinandersetzungen den Schutz von Personen gewährleisten soll, die nicht an den Kampfhandlungen beteiligt sind – auch das geht auf Solferino und Dunants Einsatz zurück. Dabei verständigten sich die Unterzeichnerstaaten auch auf ein einheitliches und leicht zu erkennendes Symbol zum Schutz der Verwundeten und des Hilfspersonals: das rote Kreuz auf weißem Grund. Parallel dazu entstanden in Deutschland die ersten Hilfsorganisationen. Den Anfang machte im November 1863 der „Württembergische Sanitätsverein“ als erste nationale Rotkreuzgesellschaft auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches. Ein Jahr später folgte im Großherzogtum Oldenburg der „Verein zur Pflege verwundeter Krieger“.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mussten sich die Rotkreuzgesellschaften neu organisieren. Der Versailler Vertrag forderte eine weitgehende Entmilitarisierung Deutschlands. Eine Organisation, deren Aufgabe im Wesentlichen in der militärisch organisierten Vorbereitung auf den Kriegssanitätsdienst bestand, hatte ihre Berechtigung verloren. 1921 entstand deshalb in Bamberg das Deutsche Rote Kreuz (DRK) als eingetragener Verein bürgerlichen Rechts, das seine Aufgaben anders definierte als seine Vorgängerorganisationen. Damals hieß es: „Das Deutsche Rote Kreuz ist ein Glied der Weltgemeinschaft des Roten Kreuzes und betätigt sich auf allen Arbeitsgebieten, deren Zweck die Verhütung, Bekämpfung und Linderung gesundheitlicher, wirtschaftlicher und sittlicher Not bildet.“ Mit dieser Neuorientierung begann das Wirken des DRK als Wohlfahrtsorganisation.

Das Aufgabenspektrum hat sich verändert und ist kontinuierlich gewachsen. Heute sind die über vier Millionen Mitglieder des DRK vor allem im Rettungs- und Katastrophenschutz, in der freien Wohlfahrtspflege und im Blutspendedienst tätig. Aber die ideellen Grundlagen eines Henry Dunant – Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität und Freiwilligkeit – gelten nach wie vor. 150 Jahre nach der Gründung der ersten nationalen Rotkreuzgesellschaft hat das DRK jetzt in Schlangen ein Museum feierlich eröffnet, das diese Ideale dokumentiert und die Entwicklung der Rotkreuzbewegung aufzeigt. „Wer in der Zukunft bestehen will, muss wissen, wo seine Wurzeln liegen“, so formulierte es Professor Jürgen Bux, der Vorsitzende der Rotkreuzgeschichtlichen Sammlung in Westfalen-Lippe.

Im Bürgerhaus sorgte das Kussmaul-Trio mit Werken von Telemann, Martinù und Beethoven für den passenden Rahmen. Eine Fotoausstellung dokumentiert die Metamorphose des maroden, ehemaligen Verwaltungsgebäudes, das Jürgen Reuter und seine ehrenamtlichen Helfer in einem wahren Kraftakt in ein schmuckes und einladendes Museum verwandelt haben, in „einen Ort der Information und einen Ort der Begegnung“, so Professor Bux. Viele der Festredner bezogen sich auf die Ideale Henry Dunants. „Die Geste Dunants wiederholt sich jeden Tag an unzähligen Orten, dort, wo sich Männer und Frauen über einen leidenden Menschen beugen, ohne zu fragen, woher er kommt oder was er tut, sondern einzig: Was fehlt Dir?“ Dr. Jörg Twenhöven, Präsident des DRK Westfalen-Lippe, unterstreicht in seinem Vortrag noch einmal die Bedeutung der Neutralität. Damit weiterhin humanitäre Hilfe in Krisenregionen wie Afghanistan oder Syrien geleistet werden könne, sei es im Vorfeld notwendig, alle am Konflikt Beteiligten davon zu überzeugen, dass diese Neutralität uneingeschränkt gilt. Twenhöven bezeichnete dies als „Verbreitungsarbeit der Regeln des humanitären Völkerrechts.“

Doch Schwierigkeiten und Widerständen sehen sich die DRK-Verantwortlichen nicht nur in fernen Kriegs- und Krisengebieten gegenüber. Twenhöven mahnte auch in Deutschland und Europa zur Wachsamkeit, etwa bei den Diskussionen um die Umsetzung der EU-Katas­trophenschutzrichtlinie. Für ihn sei es wichtig, die starke Vernetzung von Rettungsdienst und Katastrophenschutz zu erhalten und an einer Säule der Rotkreuzbewegung und einem besonderen Stück bürgerlicher Kultur nicht zu rütteln, der Freiwilligkeit.

Die Abschlussworte an diesem Nachmittag sprach Jürgen Reuter. Er hat die Sammlung in über 40 Jahren zusammengetragen und seit 1987 in seinem Privathaus in Bad Lippspringe für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Reuter ließ die Renovierungsphase noch einmal Revue passieren, auch den Moment, als ein Wasserrohrbruch Ende 2009 die ganze Arbeit wieder zunichtemachte. „Jürgen, wir machen das!“ haben seine ehrenamtlichen Helfer ihn damals wieder aufgebaut. Und nach zweieinhalb Jahren ehrenamtlicher Bautätigkeit war es tatsächlich geschafft. Cäcilia und Jürgen Reuter erinnern sich noch heute gerne an das besondere, kameradschaftliche Arbeitsklima auf der Baustelle. Der Museumsleiter freut sich nicht nur über den ­ge­schichtsträchtigen Termin der Einweihung – 150 Jahre nach Gründung der ersten Vorläuferorganisation des DRK. Die Tatsache, dass der Vereinssitz in Bad Lippspringe, also in Westfalen liegt, der Standort des Museumsgebäudes dagegen im lippischen Schlangen, hält er für die perfekte Umsetzung des Namens Rotkreuzgeschichtliche Sammlung Westfalen­Lippe.

Das Wichtigste kam dann zum Schluss, die Museumsbesichtigung. Der erste Eindruck ist Staunen, Staunen angesichts der Leistung Jürgen Reuters und eine Ahnung davon, was der Begriff Sammlung eigentlich bedeutet: sammeln, sichten, sortieren, präsentieren. Zeit sollte man mitbringen, wenn man das Museum besucht. Dabei steht es natürlich jedem frei, persönliche Schwerpunkte zu setzen. Vom Flur des Erdgeschosses aus betritt man Räume, die auf der einen Seite die nationale Rotkreuzgeschichte dokumentieren. Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich die Exponate zur internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung. Die Räume wiederum weisen Nischen auf, die sich mit speziellen Themen beschäftigen: etwa dem „Sozialistischen Humanismus“, „Nachforschen und Kümmern“ oder „Erinnern und Mahnen“. Im ersten Stock wird die Geschichte des Blutspendedienstes dargestellt und die ursprüngliche Verbindung von Militär und Katastrophenschutz aufgezeigt. Daneben sind dort beeindruckende Sammlungen von Modellautos und von Verbandskästen untergebracht. Die Rotkreuzgeschichtliche Sammlung in Schlangen ist ganz sicher ein Teil der „Verbreitungsarbeit“, die DRK-Präsident Dr. Twenhöven in seinem Vortrag ansprach – Arbeit, um das zeitlose Ideal von der neutralen humanitären Hilfe weiter zu verbreiten.


Quelle:

Schlänger Bote
Schlangen
vom 11. 04. 2013
Foto: G. Fleege